Tommaso Campanella‘s Utopie

Von Kalabrien bis in die ganze Welt die größte Sehnsucht nach Freiheit der Neuzeit

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Giovanni Domenico Campanella, der aus einer Familie bescheidener Herkunft stammt, wurde am 5. September 1568 in der Grafschaft Stilo, im Bezirk Borgo, geboren. Schon als Jugendlicher trat er in den Dominikanerorden ein und nahm nach seinen Ordensgelübden den Namen Fra' Tommaso an. In seiner Geburtsstadt erinnert heute in der Mitte der Piazza San Francesco eine imposante Bronzestatue auf einem Granitsockel, ein Werk des Bildhauers Ernesto Gazzeri aus Modena, an ihn. Der junge Mönch studierte zunächst im Kloster San Giorgio Morgeto und dann in Neapel und fiel sofort durch seinen intellektuellen Geist und seine Hingabe zum Studium auf. Die historische Zeit, in der Campanella lebte, ist eine an politischen Ereignissen reiche Periode in Italien und insbesondere in Süditalien. Unter spanischer Herrschaft wurde der Süden der Halbinsel zu einem revolutionären Laboratorium, das in dem kalabrischen Philosophen einen theoretischen Bezugspunkt und einen konkreten Handlungspunkt fand. Campanella war ein hartnäckiger Gegner aller Tyrannei. Sein ganzes Leben lang verfolgte er den Traum von der Schaffung einer unabhängigen kalabrischen Autonomen Republik; er lebte in der idealen Spannung der Befreiung der südlichen Regionen von der spanischen Krone und forderte dabei Autonomie und Freiheit ein.

„Ich wurde geboren, um drei extreme Übel auszumerzen: Tyrannei, Klüngelei, Heuchelei.“

Campanella, Rebell und Philosoph

Fasziniert vom Studium der Philosophie und Politik, dem er sich mehrere Jahre lang widmete, verschrieb er sich als natürliche Konsequenz der Lehre. Seine rebellische bzw. intolerante Natur gegenüber jeder Form von Machtmissbrauch veranlasste ihn dazu von Kalabrien aus einen Aufstand zu organisieren. Seine revolutionäre Erfahrung endete jedoch schon während der Planung, weil er das Opfer der Denunziation eines Spitzels geworden ist. Er wurde wegen antispanischer Verschwörung verurteilt und war siebenundzwanzig Jahre lang, von 1599 bis 1526, inhaftiert.

Seine Gefangenschaft verbrachte er in der Burg Sant'Elmo in Neapel, wo unter anderem seine wichtigsten Werke entstanden: Monarchia di Spagna, Città del sole, De sensu rerum, Monarchia Messiae. Unter ständigen Verhören und schwerer Folter schwörte er seinen Theorien jedoch nicht ab, indem er vorgab, verrückt zu sein, und es gelang ihm nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, ein Schicksal, das einige Jahre zuvor dem Philosophen Giordano Bruno widerfahren war. Aus dem Gefängnis entlassen näherte er sich der Politik von Papst Urban VIII., der ihn als Theologen und Astronomie-Berater beschäftigte, aber nicht einmal die Unterstützung des Papstes konnte ihn vor dem Auslieferungsersuchen aus Spanien retten. Alles, was ihm blieb, war die Flucht in Richtung Frankreich. Hier wurde Campanella mit allen Ehren begrüßt und hatte die Gelegenheit, endlich mit der Veröffentlichung seiner Werke zu beginnen, die in ganz Europa sofort großen Erfolg hatten. Er starb 1639 im Kloster Saint-Honoré, das später während der Französischen Revolution zum Sitz des ersten Jakobiner-Clubs in Paris wurde. Vor seinem Tod hatte er seine Autobiographie De libris propriis et recta ratione studendi syntagma diktiert, die erst 1642 posthum veröffentlicht wurde.

La Città del sole, der Traum von einer glücklichen Gesellschaft

Er gilt aus gutem Grund als der erste große moderne Utopist, der im Gefolge des Philosophen Thomas More sein Meisterwerk schrieb, während er in Neapel im Gefängnis saß: La Città del sole. Das in italienischer Sprache verfasste Werk wurde später auch in lateinischer Sprache veröffentlicht. Es fand in Europa eine große Verbreitung und wurde im Laufe der Jahrhunderte von Generationen von Gelehrten, Philosophen und Revolutionären gelesen und geliebt und zu einem Bezugspunkt für diejenigen, die die Freiheit vor allen anderen Werte liebten.

Die Città del sole ist um eine literarische Fiktion herum aufgebaut, ähnlich der, die More für seine Utopie geschaffen hat. Alles dreht sich um einen Dialog zwischen einem Kreuzritter, einem Ritter des Johanniterordens, und einem genuesischen Matrosen, dem Steuermann von Kolumbus. Die beiden Protagonisten führen einen Dialog nach dem platonischen Modell; der Kreuzritter ist derjenige, der die Fragen stellt, und durch seine Fragen erfährt man von der Existenz der Città del sole. Der Matrose erzählt von den Prinzipien, idealen Grundlagen und organisatorischen Aspekten dieses utopischen Stadtstaates.

Die Città del sole hat keine genaue geographische Lage. Sie befindet sich im Indischen Ozean, wahrscheinlich im Gebiet von Sumatra oder auf einer Insel in Indonesien. Ihr Oberhaupt ist ein Souverän namens Metafisico, auch hier ist der Bezug auf Platon klar; die Sonne ist das Emblem der Ideenwelt des griechischen Philosophen und die Sonne ist die Idee des Guten, die alle anderen Ideen erhellt. Die Regierungsgewalt ist drei Ministern, drei aufgeklärten Machthabern, anvertraut: Pon, Sin und Mor. Pon ist Macht, Sin steht für Weisheit und Mor für Liebe. Die Kraft der Liebe befasst sich mit der Erziehung der Bürger, die „Solari“ genannt werden, die in den freien Künsten, Astronomie, Grammatik, Musik und Poesie ausgebildet sind. In Campanellas Gedanken erhebt die Kultur den Menschen. Die Grundlage des sozialen Lebens der Stadt ist die Gütergemeinschaft, ein evangelisch-christlicher Kommunismus; alles gehört Frauen und Männern, die Gesetze werden durch Erziehung vermittelt, es gibt die Sanktionierer, es gibt die Beamten, die diejenigen sanktionieren müssen, die sich nicht an die Gesetze halten. Das Gesetz ist nützlich, aber das beste Gesetz ist das, was man in sich selbst hat, nämlich das moralische Gesetz. Die Menschen werden nach ihren Neigungen und Verdiensten behandelt; für einige Berufe, wie z. B. Politik, werden die besten in Betracht gezogen. Gesundheitsfürsorge und Bildung sind für alle „Solari“ kostenlos.

Die Menschen arbeiten vier Stunden am Tag, und gerade weil jeder Mensch Schule, Gesundheitsfürsorge und Nahrung hat, gibt es wenige Gründe, Verbrechen zu begehen; in diesem Fall ist die anthropologische Vision des kalabrischen Philosophen zu beachten. Die Einwohner der Città del Sole können sich zu jeder Religion bekennen. Es gibt Toleranz gegenüber jedem Kult, auch wenn Campanella durch den Mund des genuesischen Steuermanns sagt, dass die Religion, die der Natur am nächsten kommt, das Christentum ist. Die Religion des Empfangens, der Liebe, der Geselligkeit, die, die sicherlich nicht die des Hasses auf die Vernunft, auf Dogmen, auf die Heilige Inquisition ist, die Religion, die ihn ironischerweise sein ganzes Leben lang verfolgte.